(Dieser Beitrag erschien ursprünglich auf dem Blog der OSB Alliance.)

 

Dass Open Source heute besser abschneidet als vor Jahren, ist nicht weiter überraschend. Aber eine Schweizer Anwenderbefragung hat durchaus überraschende Ergebnisse gebracht. Eine Forschungsgruppe der Universität Bern hat die neueste ihrer alle drei Jahre durchgeführten Umfrage unter Mitgliedern Schweizer Informatik-Gesellschaften veröffentlicht. Die Ergebnisse (PDF-Download) sind zum Teil nicht so zu erwarten und liefern Hinweise auf Entwicklungen, die Analogien in Deutschland haben könnten.

Manchmal jedoch bringen auch Befunde etwas, die im Einzelnen keine dicke Überraschung sind: Inzwischen bekunden 41 Prozent der Schweizer Organisationen, für sie habe Open Source an Relevanz gewonnen; und für die IT insgesamt meinen das 60 Prozent. Die 19 Prozent Differenz zwischen beiden Zahlen zeigt zugleich an, dass es noch ein beträchtliches Potenzial für Open Source gibt. Dass die Chancen, dieses zu erschließen, gewachsen sind zeigt sich daran, dass 54 Prozent der Befragten die Gründe für den Einsatz von Open Source überwiegen sehen.

In der Schweiz beschleunigt sich der Einsatz von Open-Source-Software. Über alle Anwendungsbereiche hinweg war die Zunahme zwischen 2016 und 2018 im Durchschnitt doppelt so hoch wie im Zeitraum 2013 bis 2015 der letzten Untersuchung. Wo ein wirklich rasantes Wachstum zu beobachten ist, überrascht: bei Desktop-Anwendungen, Cloud Computing, branchenspezifischen Fachanwendungen, DevOps/IT-Automation und Cloud Storage. Unter den Einzelnennungen ragen Docker, Nextcloud, Owncloud und Elasticsearch heraus.

Ziemlich unerwartet ist die Verbreitung von Open-Source-Datenbanken um fünf Prozent gesunken. Die Studienautoren vermuten, das könne and er Wirkung von Lizenz-Lock-in liegen. PostgreSQL hat sich leicht verbessert, die MySQL-Abspaltung MariaDB ist mit 44 Prozent auf Platz drei gesprungen, und MongoDB führt mit 30 Prozent und großem Abstand das Feld der NoSQL-Datenbanken an.

Weder Red Hat noch Suse beherrschen das Linux-Geschäft in der Schweiz. Die Anwender haben mehrere Betriebssysteme im Einsatz, und bei mehr als der Hälfte ist Ubuntu dabei. Debian läuft bei 31 Prozent. In Sachen Cloud-Technik führt Docker (bei 87 Prozent), und das zieht langsam zur Container-Administration Kubernetes (30 Prozent) mit sich. OpenStack ist schon bei fast jeder vierten Organisation in Gebrauch. KVM und Xen spielen kaum mehr eine Rolle, Cloud Foundry noch nicht.

Unter den Desktop-Anwendungen mausert sich GIMP (bei 43 Prozent der Antwortenden) zu einer Photoshop-Alternative. LibreOffice kommt jetzt auf 30 Prozent und hat damit Apache OpenOffice (18 Prozent) deutlich hinter sich gelassen – aber eben auch noch eine Menge Luft nach oben.

Irritierend sind Aussagen der Studie zum „Bedarf nach Open Source Software“. Denn in diesem Kapitel beziehen sich die Interpretationen auf die Prozentzahl der Befragten, die laut Studie „Bedarf wäre vorhanden, aber Einsatz nicht geplant“ erklärt haben. Um es unmissverständlich zu machen, hätte die Studie außerdem anführen müssen, wie viele prozentual „weder Bedarf noch Einsatzpläne“ haben. So bleibt lediglich festzuhalten, dass überraschenderweise mehr als 20 Prozent der Nennungen auf CRM, Cloud Storage (Nextcloud, Owncloud, Seafile) sowie ERP, Buchhaltung entfielen. Dass die Autoren daraus auf eine „große Nachfrage“ folgern, „wenn es denn geeignete Open-Source-Alternativen gäbe“, ist nicht begründet.

Mindestens zwei Drittel der Befragten stimmten einer breiten Vielfalt von Gründen für den Einsatz von Open Source zu. Herausragend ist dabei, dass den meisten Zuspruch die „Unterstützung von offenen Standards“ bekam. 48,3 Prozent bezeichneten dies sogar als sehr wichtig. „Politischen Druck“ halten hingegen vier von fünf Schweizer Anwender für unwichtig. Kosteneinsparungen stehen erst an sechster Stelle.

Unter den Hinderungsgründen steht an erster Stelle „Fehlende Features/Funktionalitäten“. 56 Prozent halten das für wichtig, 15 Prozent für sehr wichtig. Auf Platz Zwei steht „Sicherheitslücken“ (69 Prozent sehr wichtig oder wichtig). Das ist auch deswegen einigermaßen überraschend (aber nicht unbedingt widersprüchlich), weil zuvor 81 Prozent „erhöhte Sicherheit“ als Grund für Open Source genannt hatten). Hieraus könnte man schließen, dass Anwender Open Source grundsätzlich für das sicherere Modell halten, aber gelernt haben, Software nicht blind zu vertrauen. Ähnliche Nuancierungen lassen sich auch in anderen Punkten feststellen, auf die hier aus Platzgründen nicht eingegangen wird.

Die Studienautoren kommen zu zwei interessanten Feststellungen: IM Gegensatz zu 2015, als vorwiegend Abhängigkeiten zu proprietären IT-Systemen die Hinderungsgründe von Open Source Software darstellten, dominieren 2018 die Schwächen der Open Source Produkte selber.“ Und: „Open Source Software (hat) kein Imageproblem… – andere Hinderungsgründe sind wesentlich wichtiger.“

 

(Dies Beitrag erschien auf dem Blog der OSB Alliance. Autor ist Ludger Schmitz.)

Der Verwaltungsvorstand der Stadt Dortmund hat Anfang April beschlossen, den Masterplan Digitale Stadtverwaltung um ein Projekt „Freie Software und Offene Standards“ zu erweitern (Pressemitteilung der Stadt). Eine gleichnamige Arbeitsgruppe soll in den nächsten zwei Jahren die Potenziale von Open Source für die Verwaltungs-IT analysieren und Ende 2019 einen Ergebnisbericht vorlegen. Noch etwas ist dabei hervorzuheben: Beteiligt in der Arbeitsgruppe ist auch die Bürgerinitiative Do-FOSS.

 

Um es klarzustellen: Dies ist kein Beschluss für mehr Open Source in der IT der Stadt Dortmund, sondern lediglich für eine Untersuchung. Aber das ist nicht zu unterschätzen. Denn vor drei Jahrenhatte die Initiative Do-FOSS sich noch heftig beschwert, weil der städtische IT-Dienstleister seine IT-Planung mit Assistenz von Microsoft erstellte. Es ist also ein gutes Beispiel dafür, dass Open Source langen Atem braucht und sich kontinuierliches Engagement letztlich auszahlt.

Der Stadtrat hatte schon 2016 und 1017 die Verwaltung beauftragt, einen Masterplan Digitales Dortmund beziehungsweise Digitale Stadtverwaltung zu erarbeiten.

Der Stadtrat hatte schon 2016 und 1017 die Verwaltung beauftragt, einen Masterplan Digitales Dortmund beziehungsweise Digitale Stadtverwaltung zu erarbeiten. Das Zwischenergebnis war die „Charta Digitales Dortmund 2018 – 2030“. Sie sah vor allem Open Data vor sowie die Anpassung an das E-Government-Gesetz von Nordrhein-Westfalen, das offene und standardisierte Dateiformate für die IT-Kommunikation zwischen Verwaltung und Bürgern vorschreibt.

Nach Darstellung in einem Blog-Beitrag der Do-FOSS-Initiative verbindet die Stadtverwaltung mit Freier Software und Offenen Standards durchaus bereits weitere Ziele: Reduzierung der Herstellerabhängigkeit, Verbesserung der Flexibilität und der Interoperabilität, Sicherstellung des Datenschutzes und der IT-Sicherheit, steuerbare Kostenstrukturen durch mehr Flexibilität bei der Anbieterwahl, Stärkung der Verhandlungsposition, Erhöhung der Archivierbarkeit digitaler Dokumente, mehr Synergien und Abbau von lizenzrechtlichen Hemmnissen in der interkommunalen Zusammenarbeit, Optimierung der Technikneutralität und der funktionalen Transparenz.

In der Arbeitsgruppe wird Do-FOSS neben verschiedenen Organisationseinheiten des städtischen Dortmunder Systemhauses (dosys) und dem Personalrat der Stadt vertreten sein. Das Projekt hat sich auf drei auf einander folgende Phasen verständigt. Zuerst geht es darum, Begriffe zu formalisieren und Anforderungen festzulegen sowie eine Bestandsaufnahme der bestehenden Infrastruktur vorzunehmen. In der zweiten Phase will die AG Potenziale von Open Source genauer analysieren, unter anderem indem sie Erfahrungen anderer Behörden einholt und kritische Erfolgsfaktoren identifiziert. Abschließend will sie Empfehlungen für konkrete Schritte der Stadt formulieren.

Do-FOSS beurteilt den Masterplan als eine „Möglichkeit, Freie Software und Offene Standards durch eine systematische Betrachtung ihrer Vorteile dauerhaft in der Stadtverwaltung zu verankern“. Das Ziel der Initiative ist es, „Konzepte zu entwickeln, wie die Stadt Dortmund mit Hilfe Freier und Quelloffener Software bzw. Offener Standards die digitale Anschlussfähigkeit ihrer Bürgerinnen und Bürger fördern kann“. Besonderes Augenmerk will Do-FOSS auf den „Erhalt der kommunalen Selbstverwaltungshoheit“, legen.

 

(Dies Beitrag erschien auf dem Blog der OSB Alliance. Autor ist Ludger Schmitz.)

Die Tagespresse hat es kaum bemerkt. Für Open-Source-Freunde ist es sicher eie Sensation, zumal in den letzten Jahren der Trend der öffentlichen Verwaltungen klar Richtung proprietärer Software ging: Der Thüringische Landtag hat am 28. April ein E-Government-Gesetz beschlossen, dass in seiner letzten Beratung im Haushalts- und Finanzausschuss einen neuen Paragraphen 4 bekommen hatte. Der lautet folgendermaßen:

㤠4 Offene Standards und Freie Software

(1) Zur Gewährleistung einer weitreichenden Interoperabilität sind neue Anwendungen und Technologien mit offenen Schnittstellen sowie Standards auszustatten und hierüber nutzbar zu machen.  Neue Anwendungen und Technologien sollen möglichst abwärts-kompatibel sein.

(2) Dort wo es technisch möglich und wirtschaftlich ist, soll der Einsatz von Open-Source-Software vorrangig vor solcher Software erfolgen, deren Quellcode nicht öffentlich zugänglich ist und deren Lizenz die Verwendung, Weitergabe und Veränderung einschränkt.

(3) Bei neuer Software, die von der öffentlichen Verwaltung oder speziell für diese entwickelt wird, ist der Quellcode unter eine geeignete Freie-Software- und Open-Source-Lizenz zu stellen und zu veröffentlichen, soweit keine sicherheitsrelevanten Aufgaben damit erfüllt werden.“

Noch mal das Wichtigste:
– Das Gesetzt verlangt offene Schnittstellen und Standards.
– Open-Source-Software ist vorrangig.
– Eigenentwicklungen der ÖV sollen unter einer Open-Source-Lizenz stehen.

Das war nun gar nicht zu erwarten. Es geht hier nicht um ein neues der einst hoch gelobten „Leuchtturmprojekte“, die inzwischen alle beerdigt sind. Was Thüringen startet, ist nicht weniger als die komplette Neuorientierung in der IT-Politik einer Landesregierung. Und das zu einer Zeit, wo IT-Politik auf Bundes- und Landesebene zumindest nach außen hin auf die Debatte beschränkt ist, wie viele Millionen Euro die Glasfaserverkabelung zwecks Breitbandversorgung kosten dürfte.

Und genau deswegen sollte sich die Open-Source-Community keine Illusionen über das Thüringer Beispiel machen. Es gibt zwar aus Parlamentsdebatten erste Zitate, dass Themen wie offen Schnittstellen, offene Standards und offener Quellcode Eingang in die Diskussion finden. Aber nicht mehr. Bei allen Parteien, außer vielleicht den Grünen ist das noch nicht richtig angekommen. Es scheint tatsächlich noch so zu sein, dass die Mehrheit der Politiker Open Source für irgendeine linke Spinnerei hält.

Unglücklicherweise könnte gerade der Beschluss der Thüringer Landtags diese falsche Meinung noch verstärken. Denn dort hat Rot-Rot-Grün die Mehrheit und stellt die Regierung. Wo allerdings die Linke dabei ist, gilt jeder Beschluss für die CDU nur als ideologischer Unsinn. Auch in der SPD ist mehrheitlich suspekt, was von der Linken kommt. Der FDP ohnehin, obwohl es in der Parteispitze Open-Source-Befürworter gibt.

Der Thüringer Beschluss ist gleichwohl ein Meilenstein. Vor allem bietet er Open-Source-geneigten Initiativen einen Ansatz in der öffentlichen Diskussion. Es gilt zu zeigen, dass es eben nicht ein ideologisch getriebenes Projekt ist, sondern dass es dafür gute Gründe gibt. Die Gründe stehen übrigens genau im § 4 des Thüringer E-Government-Gesetzes: Interoperabilität, Kompatibilität, Wirtschaftlichkeit, Veränderung und Weitergabe von Code. Sogar der merkwürdige Schluss von Absatz 3 („soweit keine sicherheitsrelevanten Aufgaben damit erfüllt werden“) enthält einen überaus wichtigen Grund für Open Source: Quelloffene Software macht IT-Sicherheit erst möglich.